Projektmanagement

Kanban vs. Scrum: Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten erklärt

Autor
Anastasia Wranek
Letzte Aktualisierung

Agile Projektmanagement-Methoden helfen Unternehmen dabei, sich schnell an neue Anforderungen anzupassen. Besonders beliebt sind dabei Kanban und Scrum. Beide stützen sich auf Prinzipien wie die iterative Methodik, also die Aufteilung von Projekten in kürzere Arbeitsphasen und Sprints, um komplexe Herausforderungen in dynamischen Umfeldern flexibel zu lösen.

Viele agile Methoden finden ihren Ursprung in der Softwareentwicklung, kommen aber längst nicht mehr nur dort zum Einsatz. Kanban und Scrum unterstützen auch bei der Produktentwicklung, kreativen Prozessen und vielen anderen Projekten, die einen gewissen Grad an Komplexität besitzen.

In diesem Artikel stellen wir Ihnen die wesentlichen Merkmale beider Methoden kurz vor und zeigen Ihnen, wo die Unterschiede und Gemeinsamkeiten liegen.

Kanban: Aufgaben visualisieren

Der Autohersteller Toyota entwickelte die agile Methode Kanban, um Arbeits- und Produktionsprozesse zu verbessern. Im Grunde handelt es sich um eine Visualisierung von Aufgaben, die in folgende Kategorien von links nach rechts eingeordnet sind:

Offen (To Dos)

In Arbeit

Erledigt

Die Kategorien lassen sich für das jeweilige Projekt anpassen und dienen dem Zweck, die Planung bis hin zur Umsetzung darzulegen. Teammitglieder bringen alle Aufgaben aufs Board und bewegen diese im Prozess von links nach rechts. So können alle erkennen, welchen Status die Aufgabe hat und wie es um die Auslastung des Teams und der einzelnen Mitglieder bestellt ist.

Entscheidend ist eine Obergrenze für die Spalte „In Arbeit“, damit das Team seine Kapazität nicht überschreitet. Ist diese noch nicht erreicht, können sich die Teammitglieder offene Aufgaben nach dem „Pull-Prinzip“ nehmen. Das bedeutet, die Teammitglieder nehmen sich Aufgaben selbstständig, sobald sie die Kapazität dafür haben, anstatt dass jemand diese verteilt und zuweist.

Bei Kanban werden Prozesse von links nach rechts in verschiedene Kategorien eingeordnet.

Die Methode ist übersichtlich, flexibel und leicht zu implementieren. Sie schafft es gleichzeitig gut, Abläufe transparent darzustellen. Da es keine Regelungen zu Strukturen, Terminen und Rollen gibt, haben die Unternehmen viel Gestaltungsspielraum in Durchführung und Einsatz. Eine stetige Verbesserung der Prozesse ist auch hier das Ziel, wofür eine regelmäßige Abstimmung notwendig ist.

Interessant: Auch im Scrum können die Teams diese Methode zur Visualisierung einsetzen.

Scrum: Zum Erfolg sprinten

Die agile Methode Scrum hat ihren Ursprung in der Softwareentwicklung. Der Grundgedanke liegt darin, dass es nie ein fertiges Produkt gibt. Stattdessen existieren Versionen und Iterationen (Schrittweise Annäherung an eine Lösung), die nach einem Entwicklungszyklus vorliegen. Das Framework von Scrum bietet feste Abläufe, Termine und Zyklen sowie bereits definierte Rollen und deren Aufgaben.

Ein Zyklus, auch bekannt als Sprint, dauert nicht länger als vier Wochen. Das Team arbeitet eigenständig und entscheidet darüber, welche Aufgaben es sich in diesem Sprint zum Ziel setzt. Diese kann das Team auf einem Board visualisieren. Neue Aufgaben können nicht nachträglich in den Sprint gegeben werden. Um das Voranschreiten und die Kommunikation zu organisieren, legt Scrum einen täglichen Termin zur Abstimmung – das Daily – fest.

Nach einem Sprint reflektiert das Team die erreichten Ergebnisse und die Zusammenarbeit. Mit verbesserten Prozessen kann es dann in den nächsten Sprint mit neuen Zielen starten. Die Termine, im Scrum als Events bezeichnet, haben eine feste Struktur und bringen eine Standardisierung in den Prozess.

Damit eignet sich Scrum gut, um kreative Prozesse und komplexe Projekte zu kanalisieren und diesen einen Rahmen zu geben.

6 Gemeinsamkeiten von Kanban und Scrum

Weil sowohl Scrum als auch Kanban im agilen Projektmanagement zum Einsatz kommen, gibt es einige Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Methoden:

Setzt man Kanban nicht nur als Visualisierungsmethode ein, ähnelt es Scrum hinsichtlich der Selbstorganisation und der regelmäßigen Abstimmung zur Kommunikation.

Die Teammitglieder ziehen sich die Aufgaben jeweils per Pull-Prinzip.

Beide Frameworks nutzen Work-in-Progress(WIP)-Limits: Kanban durch die maximale Anzahl von Aufgaben in Bearbeitung, Scrum indirekt durch das Festlegen der Aufgaben in der Sprintplanung. Ein WIP-Limit sorgt dafür, dass ein Team nicht durch zu viele Aufgaben überlastet wird. Ist das Limit erreicht, nimmt das Team keine weiteren Aufgaben ins Doing oder in den Test.

Beide haben das Ziel, durch Transparenz zu einer Optimierung der Prozesse und zur Steigerung der Effizienz beizutragen

Kanban und Scrum sind „lean“ und agil zugleich. Lean bedeutet, dass die Prozesse auf eine Wertschöpfung ausgerichtet sind, die Verschwendung und Mehrarbeit reduziert. Verschiedene Prinzipien und Techniken wirken zusammen, um Prozesse „schlanker“ zu machen und Ressourcen bestmöglich einzusetzen. Agilität hingegen bietet die notwendige Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an immer schnellere neue Produktanforderungen.

Beide wollen den Release-Plan optimieren und das Endergebnis oder Zwischenergebnisse, schneller fertigstellen. Dazu wird die Kennzahl der Team-Velocity im Scrum und der Lead-Time in Kanban herangezogen. Die Velocity drückt die Arbeitsgeschwindigkeit eines Teams aus und wird über die Arbeitsmenge ermittelt, die ein Team durchschnittlich in einem Sprint bewältigt. Die Lead-Time drückt hingegen aus, wie viel Zeit von der Kundenanfrage bis zur Lieferung vergeht. Man könnte diese daher auch als Lieferzeit betrachten. Während ein Team im Scrum also nach einer höheren Velocity strebt, möchten Teams, die mit Kanban arbeiten, die Lead-Time senken.

6 Unterschiede zwischen Kanban und Scrum

Trotz der Gemeinsamkeiten verfolgen Scrum und Kanban abweichende Ansätze. Beachten sollten Sie beispielsweise folgende Unterschiede:

Scrum bietet ein umfassenderes Framework mit Vorgaben für die Umsetzung, Events und Rollen an, Kanban hingegen bietet mehr Gestaltungsspielräume.

Der Fokus bei Scrum liegt auf der Lieferung eines fertigen Inkrements, bei Kanban auf der Optimierung des Prozessablaufes.

Scrum eignet sich dazu, komplexe Themen zu bündeln und zu strukturieren, Kanban hingegen kann man auch für kleinere Aufgaben und Routinetätigkeiten nutzen. Kanban verliert dafür an Übersichtlichkeit, wenn die Projekte zu groß und komplex werden.

Die Anwendung von Scrum ist nur als Team möglich, während Kanban auch Einzelpersonen anwenden können.

Bevor das Team eine Aufgabe im Scrum für den Sprint einplant, muss es diese vorerst schätzen. Bei Kanban ist dies nicht vorgeschrieben und daher optional.

Während eines Sprints im Scrum nimmt das Team keine neuen Aufgaben an. In Kanban ist dies jederzeit möglich, solange Kapazitäten verfügbar sind, es gibt schließlich keine Sprints.

Vor- und Nachteile beider Methoden

Bei allen Unterschieden und Gemeinsamkeiten weisen beide Methoden doch unterschiedliche Vor- und Nachteile auf. Diese betrachten wir im folgenden Abschnitt.

Vor- und Nachteile von Kanban

der Prozess ist flexibel, da sich neue Anforderungen und Prozesse jederzeit integrieren lassen

hohe Transparenz auch für außenstehende

Auslastung des Teams ist erkennbar

einfacher und leicht verständlicher Prozess

Fokus auf vorliegende Aufgaben

fehlende Zeitplanung kann zu Konflikten mit Deadlines führen

bei größeren Teams kann es schnell unübersichtlich werden

langfristige Planung nicht möglich

Vor- und Nachteile von Scrum

hoher Grad an Selbstorganisation

macht Prozesse transparent

feste Rollen und Events geben einen Fahrplan vor

Projektergebnisse oder Teilergebnisse liegen zeitnah vor

kurze Planungszyklen bieten einen hohen Grad an Flexibilität

der Bedarf an Abstimmung ist hoch

Schulungsbedarf vor Einführung

neue Anforderungen lassen sich nicht direkt integrieren

Kanban oder Scrum: Was sollte ich nutzen?

Sowohl Kanban als auch Scrum bieten also verschiedene Vor- und Nachteile. Wie soll man sich zwischen den beiden Frameworks entscheiden? Darauf gibt es im Grunde nicht die eine richtige Antwort, da die Auswahl immer von mehreren Faktoren abhängig ist.

Einer dieser Faktoren stellt die Projektart dar. Hierbei kann die Stacey-Matrix unterstützen: Diese setzt die Anforderungen eines Projektes (sind diese klar definiert oder offen?) mit dem Lösungsansatz (ist dieser bekannt und etabliert oder neu und unbekannt?) ins Verhältnis und unterteilt Projekte in die Kategorien simpel, kompliziert, komplex und chaotisch.

Die Stacey-Matrix kann bei der Auswahl der passenden Methode unterstützen

Je unklarer die Anforderungen und je unbekannter der Lösungsansatz, desto agiler wird das Projekt. Wenn man dieses Prinzip anwendet, eignet sich Kanban somit für komplizierte Projekte, kommt jedoch bei komplexen Projekten an seine Grenze, für die sich wiederum Scrum gut eignet. Wo genau liegt aber der Unterschied?

Beim komplizierten Projekt gibt es zwar oft mehrere Lösungen, die Ursache-Wirkung-Zusammenhänge lassen sich in der Regel jedoch einfach erfassen und umsetzen. Die komplizierten Projekte sind häufig einfacher als komplexe Projekte, deren Wechselwirkungen oft undurchsichtiger sind. Hinzu kommt, dass diese eventuell unterschiedlichen Zielsetzungen verfolgen.

Bevor Sie sich festlegen, sollten Sie überlegen, in welche dieser Kategorien Sie Ihr Projekt einordnen würden.

Scrumban: Das Beste aus beiden Methoden?

Sie möchten sich nicht zwischen den beiden Methoden entscheiden und lieber die Vorteile beider Methoden genießen? Dann sollten Sie sich Scrumban genauer anschauen. Es vereint Aspekte von Scrum und Kanban in einem. Durch die Überschneidung beider Methoden zeichnet sich Scrumban durch folgende Merkmale aus:

Scrumban vereint Elemente aus Scrum und Kanban.

Es bietet sich besonders dann an, wenn Sie flexiblere Strukturen als die von Scrum suchen, als Übergang zwischen beiden Modellen oder für langfristige Projekte. Auch Produktlebenszyklen lassen sich damit abbilden. Der größte Vorteil dieser Mischform: Sie eignet sich für eine Vielzahl an verschiedenen Projekten (auch komplizierte und komplexe) und Sie können die Struktur gut an Ihre Bedürfnisse anpassen.

Fazit

Kanban und Scrum sind die wohl bekanntesten Methoden aus dem agilen Projektmanagement. Beide verfolgen ähnliche Ansätze, beispielsweise die Aufteilung komplexer Projekte in viele kleinere Arbeitsschritte und -phasen, um Projektteams schneller und flexibler zum Erfolg zu führen.

Ob sich ein Projekt für agiles Projektmanagement eignet, und welche der beiden Methoden besser ist, hängt vom Ziel, dem Umfang und den Rahmenbedingungen des Projektes ab. Scrum eignet sich insgesamt besser für komplexe Projekte mit undurchsichtigen Wechselwirkungen, während Kanban bei Projekten, in denen die Ursache-Wirkung-Zusammenhänge klar definiert sind, die Nase vorn hat.

Sie möchten die beiden Methoden im Detail kennenlernen? Alles, was Sie wissen müssen, finden Sie in unseren tiefergehenden Artikeln zu Kanban und Scrum, sowie der Mischform Scrumban.

Häufige Fragen & Antworten

Was bedeutet Agilität?
Agiles Projektmanagement bietet die Antwort auf die sich immer schneller ändernden Anforderungen im Projektmanagement. Kein Unternehmen kann es sich heute leisten, mehrere Jahre in die Entwicklung eines Produktes zu stecken, nur um am Ende festzustellen, dass die Erwartungen des Kunden mittlerweile völlig andere sind. Durch Agilität reagieren Unternehmen schnell auf diese Anforderungen und können diese durch kurze Planungszyklen mit in das Produkt einfließen lassen.

Ist Kanban agil?
Ja, bei Kanban handelt es sich um eine agile Methode. Anders als im klassischen Projektmanagement können Teams damit beispielsweise jederzeit auf neue Anforderungen reagieren. Der Anspruch: eine stetige Prozessverbesserung.

Was unterscheidet Kanban und Scrum?
Während Kanban die Visualisierung eines Prozesses im Fokus hat, kommt Scrum mit einem Framework einher, welches klare Regeln, Strukturen und Rollen für die Projektarbeit schafft. Scrum ist außerdem nur als Team umsetzbar, während Kanban sowohl Teams als auch Einzelpersonen einsetzen können.

Welche Methode sollte ich nutzen?
Diese Entscheidung hängt unter anderem von der Projektart ab. Für komplexe Projekte wird Kanban empfohlen, wird ein Projekt hingegen kompliziert und nimmt an Größe zu, kann Scrum die geeignetere Methode darstellen. Beachten Sie bei der Auswahl jedoch auch weitere Rahmenbedingungen.

Was ist Scrumban?
Scrumban stellt die Mischform von Scrum und Kanban dar. Es zeichnet sich durch eine flexible, anpassbare Struktur aus, und verbindet die Vorteile beider Methoden in einem Modell. Weitere Informationen zu Scrumban finden Sie im EXPERTE.de-Artikel zum Thema.

Autor: Anastasia Wranek
Anastasia Wranek hat Wirtschaftspsychologie studiert und mehrere Jahre als Projekt und Prozessmanagerin gearbeitet. Ihre Spezialgebiete liegen in der Organisations- und Personalentwicklung sowie im IT-Projektmanagement. Als freiberufliche Autorin schreibt sie hauptsächlich über die Themen Projektmanagement, Agilität und New Work.